Gender und Diversity in der Zielgruppenerschließung

Das Netzwerk Basisbildung und Alphabetisierung in Österreich fühlt sich den Strategien des Gender Mainstreaming und des Diversity Management verpflichtet.

Das zentrale Ziel des Vereins “Die Kärntner Volkshochschulen” liegt im Bereich Zielgruppenerschließung, besonders in der Entwicklung neuer und Zusammenführung und Evaluierung erprobter Methoden, Konzepte und Instrumente einer zeitgemäßen Zielgruppenerschließung, die die Zielgruppe tatsächlich ansprechen und erreichen. Die Ergebnisse stehen als Handbuch zur Verfügung. Im Rahmen des Gute Ideen Programms wurden ein LESEZeichen und ein HINWeiser erstellt, welche von allen BasisbildungsanbieterInnen und NetzwerkpartnerInnen individuell gestaltet und genutzt werden können. Weiters entstanden gemeinsam mit dem ÖGB Oberösterreich ein Unterstützungskonzept für  BasisbildungsbotschafterInnen und eine 2 Minuten Basisbildung mit der Botschafterin Veronika Kleiner.

Die Umsetzung

(1) Ausgewählte erprobte Methoden, Konzepte und Instrumente zur Zielgruppenerreichung werden im Rahmen einer Fokusgruppe durch KursteilnehmerInnen bewertet und evaluiert.

(2) Der Aufbau einer ABC-Gruppe von BasisbildungsteilnehmerInnen für BasisbildungsteilnehmerInnen wird mit den TeilnehmerInnen besprochen und diskutiert. Damit ist sichergestellt, dass durch die direkte Einbindung der Zielgruppe in die Planung, diese auch direkt angesprochen und erreicht wird.

Dimension, Beschreibung der Unterschiede

In den Dimensionen Geographische Lage – Nationalität – Geschlecht/Gender sind relevante Unterschiede erkennbar. In der “organisationalen Einstufung” herrscht eine Homogenität vor, da alle TeilnehmerInnen der Fokusgruppe mit denselben Inhalten in einer festgelegten Gruppe, am selben Ort und im selben Zeitraum konfrontiert sind.

Dimension geographische Lage: Aufgrund der geographischen Lage und der Verkehrsanbindungen, ist es für TeilnehmerInnen oft schwierig, Kursmaßnahmen zu besuchen.

Dimension Nationalität: Die TeilnehmerInnen der Fokusgruppe haben zu 50 Prozent Migrationshintergrund.

Dimension Geschlecht/Gender: Die TeilnehmerInnen der Fokusgruppe sind zu 70 Prozent weiblich.

Gender Relevanz

Gender spielt in allen beschriebenen Unterschieden eine Rolle. Möglicherweise gibt es eine größere Benachteiligung der weiblichen TeilnehmerInnen aufgrund von geographischer Lage und Elternschaft durch Gender.

Ziele

Gleichstellungsziel: Die Fokusgruppe wird örtlich und zeitlich so festgelegt, dass auch TeilnehmerInnen, die öffentliche Verkehrsmittel nutzen, teilnehmen können. Weiters haben Frauen und Männer unterschiedlicher Nationalitäten gleichermaßen Zugang zur Fokusgruppe.

Maßnahmen

Die Zeit für die Durchführung der Fokusgruppe wird so gewählt, dass auch TeilnehmerInnen mit Betreuungspflichten an den Veranstaltungen teilnehmen können.

(1) Evaluation: Die Evaluation der Methoden, Konzepte und Instrumente zur Zielgruppenerschließung erfolgt qualitativ durch die TeilnehmerInnen der Fokusgruppen.

Zusammenfassung und Zielerreichung

Die Fokusgruppe fand im Rahmen eines Basisbildungskurses statt. Die TeilnehmerInnen waren also vor Ort und mussten keine zusätzlichen Wege auf sich nehmen, um daran teilzunehmen. Die TeilnehmerInnen kamen aus Klagenfurt. Die Fokusgruppe war sowohl für Männer als auch für Frauen gleichermaßen zugänglich. Von den 9 TeilnehmerInnen waren 7 weiblich und 2 männlich. Die Altersverteilung lag zwischen 21 und 63 Jahren. Sieben TeilnehmerInnen sind österreichische StaatsbürgerInnen, ein/e TeilnehmerIn hat die bosnische Staatsbürgerschaft, ein/e TeilnehmerIn ist afghanische/r StaatsbürgerIn.

Dokumentation der Fokusgruppe

(1) Werbematerialien zur Zielgruppenansprache (Folder, Flyer, Plakate, Werbespots etc.) werden von der Gruppe angesehen, begutachtet und bewertet.

Alle TeilnehmerInnen konnten erkennen, um welches Angebot es sich handelte, wobei Lesen und Schreiben im Vordergrund standen. Auch die Kontaktdaten waren für alle TeilnehmerInnen klar erkennbar. Von den Bildern und Botschaften fühlten sich sieben von neun TeilnehmerInnen angesprochen. Einmal wurden die Bilder als zu negativ, mit dem Fokus auf die Hürden im Leben, betrachtet, ein weiteres Mal wurde das Motiv nicht mit Basisbildung in Verbindung gesetzt. Die Texte waren bei allen beurteilten Werbemitteln leicht verständlich. Ein Wunsch der TeilnehmerInnen ist es, mit den Bildern und Grafiken Erfolge darzustellen, da die TeilnehmerInnen selbst wissen, was ihre Hürden im Leben sind.

(2) Vorschläge zu Möglichkeiten für eine Werbekampagne oder einen Weg der Zielgruppenansprache sind von den TeilnehmerInnen eingebracht.

Die TeilnehmerInnen gaben sehr viele Anstöße, wie Öffentlichkeitsarbeit für die Basisbildung aus ihrem Blickwinkel aussehen sollte. Kernbotschaften für Anbieterorganisationen sind:

  • Radio und Fernsehen verstärkt zur TeilnehmerInnenerreichung einsetzen
  • Werbespots von TeilnehmerInnen für Betroffene erstellen
  • TeilnehmerInnen verstärkt in die Öffentlichkeitsarbeit einbinden, da sie selbst die besten BotschafterInnen sind.
  • Positive Botschaften aussenden: Ziele, Erfolge, Freude und Glück!

(3) Die Idee der Umsetzung einer ABC-Gruppe für BasisbildungsteilnehmerInnen ist vorgestellt und diskutiert.

Gemeinsam mit den TeilnehmerInnen wurde die Idee der ABC-Gruppe Kärnten diskutiert. Die TeilnehmerInnen waren von der Idee sehr angetan und besprachen die notwendigen Rahmenbedingungen.

  • Es muss ein eigenes Büro mit Teeküche, PC-Arbeitsplatz, Drucker, Kopierer und Telefon geben, das zentral in der Stadt gelegen ist.
  • Die TeilnehmerInnen benötigen professionelle Unterstützung von Seiten der Kärntner Volkshochschulen.
  • Die Treffen sollten am Abend ab 18:00 Uhr alle 2 Wochen bzw. alle 4 Wochen stattfinden.
  • Die Bewerbung sollte über eine eigene Homepage erfolgen.
  • Für die Beratung von Betroffenen sollte ein Schichtdienst eingerichtet werden, um die Verantwortung in der Gruppe aufzuteilen.
  • Freiwilligkeit und Engagement müssen gegeben sein.
  • Die TeilnehmerInnen brauchen, um öffentlich auftreten zu können, Weiterbildungen.

Die TeilnehmerInnen diskutierten angeregt über die einzelnen Bereich und gaben sehr viele Anstöße und Anregungen für die Arbeit von Anbieterorganisationen der Basisbildung in Österreich. Für die Kärntner Volkshochschulen steht fest, dass TeilnehmerInnen in den Prozess der Entwicklung von Materialien und Zugängen für die Zielgruppen eingebunden werden müssen, um diese auch tatsächlich zu erreichen. Unser nächster Schritt im Rahmen von In.Bewegung ist die Initiierung einer ABC-Gruppe für (ehemalige) TeilnehmerInnen, um Betroffenen eine Anlaufstelle ohne “Hürden” anzubieten.

Auf den Menschen zugehen

Zielgruppenerschließung in der Basisbildung

IMG_3974Positive Botschaften können Menschen animieren, etwas zu bewegen und zu verändern. Empowerment und Selbstbestimmung und die notwendige Unterstützung bilden den zentralen Kern der Botschaften, welche Bildungseinrichtungen zur Zielgruppenerreichung in der Basisbildung aussenden. “Hab Mut zum Lernen”, “Lernen Sie, was Sie brauchen”, “Du bist nicht alleine” oder ”Du kannst nix dafür!” sind exemplarische Botschaften, die an potenzielle TeilnehmerInnen ausgesandt werden.

Die Botschaften zielen auf Lernmotive der zukünftigen TeilnehmerInnen ab. Selbständigkeit, der Einstieg in den Arbeitsmarkt, die Erhaltung des Arbeitsplatzes oder ein beruflicher Aufstieg, die Unterstützung der Kinder in der Schule, die Erlangung des Führerscheins und das Ende des Versteckens und der Ausgrenzung sind Motive, die Betroffene dazu zu bewegen, zur Erstberatung zu kommen und später einen Basisbildungskurs zu besuchen.

Mundpropaganda, sowohl von TeilnehmerInnen als auch NetzwerkpartnerInnen, ist in der Zielgruppenerreichung enorm wichtig. LernerInnen selbst sind die besten BasisbildungsbotschafterInnen, da sie von ihren eigenen Erfahrungen berichten können. Damit NetzwerkpartnerInnen informieren und vermitteln können, sind sowohl persönliche Kontakte mit Einrichtungen und Behörden als auch die laufende gezielte Information dieser Stellen sehr wichtig.

Die kontinuierliche Positionierung des Basisbildungsangebots in Fernsehen und Radio und Einschaltungen in regionalen und lokalen Zeitungen tragen ebenso dazu bei, das Thema Basisbildungsbedarf in der Öffentlichkeit präsent zu halten. Diese Präsenz und ein beständiges Angebot in Erwachsenenbildungseinrichtungen führen zur Bekanntheit der Einrichtungen im Basisbildungsbereich. Politische Lobbyarbeit und eine dementsprechende Förderung von und für Menschen mit Basisbildungsbedarf sollen sicherstellen, dass Basisbildungsangebote ein fester Bestandteil in der Bildungslandschaft sind.

So vielfältig unsere Zielgruppen sind, so kreativ und innovativ müssen auch unsere Zugänge sein. Eine wesentliche Herausforderung in der Zielgruppenerschließung ist nach wie vor die direkte und trotzdem diskrete und sensible Ansprache von Personen mit Defiziten im Lesen, Schreiben, Rechnen und im Umgang mit neuen Medien.