Leben und Lernen

Die Ausrichtung der österreichischen Bildungspolitik, die Menschen in ihrem Entwicklungs- und Bildungsprozess zu fördern, zu unterstützen und zur Selbstverantwortlichkeit zu führen ist eine grundsätzlich wichtige Überlegung.

Bildung zieht Kreise

Bildung zieht Kreise

Die Gehirnforschung belegt eindeutig, dass wir durch Lernen unser Gehirn bis ins hohe Alter aktiv halten und selbstverantwortliches Handeln im engen Zusammenhang mit der Möglichkeit zur Bildung steht.Wenn es jedoch durch die Strategie des lebensbegleitenden Lernens zu einer Überbetonung der Bildung, speziell im Hinblick auf  „Weiterentwicklung“ – das „Werden“ kommt, dann ist diese Ausrichtung zu einseitig. Es wird wieder zu einer Gegenbewegung kommen, die mehr das  „Sein“ als Schwerpunkt sieht. Wir leben in einem Spannungsfeld der Polarität. Auf der einen Seite das „Sein“ auf der anderen Seite das „Werden“. Wir bewegen uns innerhalb dieses Feldes und die  „Mitte“ ist der ausgeglichene Zustand.

Meine Meinung ist, dass Bildung / lebensbegleitendes Lernen eine Verknüpfung zwischen dem „Sein“ und dem „Werden“ ermöglichen muss. Dieser Verknüpfungsprozess ermöglicht, dass das Wissen dauerhaft in der Persönlichkeit verankert wird.

Sein und Werden

Sein & Werden

Lebensbegleitendes Lernen bzw. Bildung ist ein natürlicher Prozess und wichtig für uns Menschen. Lernen ist jedoch nur im Rahmen der persönlichen Freiheit möglich und im ganzheitlichen Ansatz, der das Sein und Werden mitsammen verbindet: Bildung als Prozess der Selbstentfaltung und Selbstverwirklichung.

Basisbildung ist die Vorstufe zum selbstgesteuerten Prozess des lebensbegleitenden Lernens und schafft die Voraussetzungen dafür. Es ist ein Türöffner und Mittler.

“Ich kann lesen und schreiben! Ich muss mich nur trauen!”

Dies sagt Veronika Kleiner heute stolz über sich. Sie ist Basisbildungsbotschafterin der Kärntner Volkshochschulen. Veronika sieht es als ihren Auftrag, anderen Betroffenen, die noch nicht richtig lesen und schreiben können, die Angst zu nehmen.

„Betroffene sollen den Mut fassen, einen Basisbildungskurs zu besuchen. Jeder Einstieg ist schwer, aber man bekommt so viel Positives zurück, es entsteht ein wahres Glücksgefühl. Vor Kursbeginn konnte ich nur meinen Vor- und Nachnamen schreiben. Mittlerweile schreibe ich schon Texte. Durch den Kursbesuch kann man Dinge machen, die man sich vorher nie vorstellen konnte. In der Gruppe unterstützen wir uns gegenseitig, es herrscht eine Vertrautheit und niemand lacht über den anderen, wenn man Fehler macht.“

Veronika Kleiner

Veronika Kleiner ist seit dem Jahr 2006 Lernerin in der Volkshochschule Grundbildung. Sie besuchte drei Jahre die erste Klasse Volksschule und wurde danach in die Sonderschule versetzt. Mit 15 Jahren kam Veronika zu “Jugend am Werk” um die berufliche Integration in den Arbeitsmarkt zu schaffen. Nach Stationen im Gastgewerbe führte sie ihr Weg nach zu “Pro Mente”, wo Veronika Kleiner von 1999 bis 2008 als Betroffenenvertreterin des Tageszentrums und schließlich für ganz Kärnten engagierte. Ihre Aufgaben umfassten als Mitglied des Vorstandes von Pro Mente die Vorstellung des Vereins bei Veranstaltungen, Öffentlichkeitsarbeit und die Weiterentwicklung der Betroffenenvertretung. Ihr ganzes Leben lang hatte sie Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben. Schriftsprachliche Aufgaben erledigte ihr Vater bis zu seinem Tod für sie. In ihrer Arbeit als Betroffenenvertreterin stiegen die Anforderungen an ihre Schriftsprache, was sie schließlich zur Beendigung ihrer Tätigkeit bewegte. Im Alltag verschleierte sie ihre Defizite und wandte unterschiedliche Strategien an.

Zu dieser Zeit sah Veronika Kleiner einen Werbespot für ein Basisbildungsangebot in Deutschland und wunderte sich, dass es so etwas in Österreich noch nicht gab. Eine Betreuerin von Pro Mente machte sich auf die Suche nach einem Basisbildungskurs in Kärnten und wurde in der Volkshochschule Kärnten fündig. Das Erstgespräch empfand Veronika als angenehm, da dieses in Begleitung ihrer Betreuerin stattfand . Zum ersten Kurstag musste sie dann allerdings alleine gehen. Sie erzählt heute, dass sie schweißgebadet hinkam. Die Trainerin nahm ihr von Anfang an die Angst. Trotzdem brauchte Veronika sehr lange, bis sie verstand, dass ihr im Kurs nichts passieren kann. Der Gedanke, dass jemand erfahren könnte, dass sie nicht lesen und schreiben kann, bereitetet ihr große Sorgen.

Mittlerweile hat sich diese Angst gelegt. Ihre Lebensqualität hat sich gesteigert und sie sieht wieder einen Sinn im Leben. Sie ist stolz darauf, Basisbildungsbotschafterin zu sein, gibt Interviews für Zeitungen, Radio und Fernsehen. “Das Reden, das liegt mir irgendwie, das habe ich immer können”, beschreibt sie ihr Engagement.

Für die Zukunft hat Veronika bereits viele Ideen. Eine davon ist es, eine ABC-Gruppe in Kärnten zu gründen, welcher die ABC-Selbsthilfegruppe in Oldenburg als Vorbild dient.

AutorInnen:  Gloria Sagmeister (Die Kärntner Volkshochschulen), Christian Wretschitsch (ÖGB Oberösterreich);