Diskriminierende Beschimpfung

Bekannt ist, dass Baustellen oftmals für Unmut sorgen: Es gibt Umleitungen, enge Passagen, Baulärm…. Wie vor ein paar Tagen miterlebt, sind auch die Nerven mancher Fußgänger/innen strapaziert. So z.B. ein Vater, der mit seinem Kind in der engsten Passage steht und Radfahrer/innen mit dem Ausruf “Seids ihr alle Analphabeten!” beschimpft, weil sie das Schild mit der Aufschrift “Fahrradfahrer absitzen” ignorieren und im langsamsten Schritttempo fahren. Dass er zusammen mit seinem Kind umso weniger Platz zur Verfügung hat, wenn die Räder auch noch nebenher geschoben werden, scheint er nicht zu bedenken.

gerhild sallaberger fahrradfahrer absitzen

Eine Situation, die im Grunde eher banal und nicht erwähnenswert ist, wäre da nicht die Tatsache, dass manche Menschen durch so eine Aussage zutiefst verletzt werden – jene Menschen, die in ihrer Kindheit nicht die Chance hatten, ausreichend lesen und schreiben zu lernen und deshalb ständig unter Druck stehen, als Schriftsprachunkundige entdeckt zu werden. Teilnehmer/innen von Basisbildungskursen sind Expert/innen dieser verdeckten Lebenswelt. Sie haben aber den schwierigsten Schritt bereits gewagt und erobern sich in den Kursen eines ihrer Grundrechte – das Recht auf Bildung – zurück. Als Analphabet/in beschimpft zu werden, ist nicht nur diskriminierend, sondern lässt alte Versagensängste der Teilnehmer/innen wieder aufleben. Daher der Hinweis an all jene mit geradlinigen Lernbiografien: Das Wort “Analphabet” gehört zu jenen Wörtern, die zum Dampfablassen in Baustellenbereichen nichts verloren haben.

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