Diversity in Social Media

Von der Nutzung des Internets versprachen sich Fachleute schon vor Jahren die Inklusion von Benachteiligten. Zuletzt wurde diese Hoffnung in Bezug auf das Lernen mit digitalen Medien gehegt, v. a. über den Ausgleich von Mobilitätsdefiziten. Doch wie gut können digitale Medien Ungleichheiten tatsächlich ausgleichen? Was ist der Mehrwert bei der Verwendung digitaler Technologien?

Das BHW NÖ hat sich im Rahmen von In Bewegung IV seit 2011 mit diesen Fragen beschäftigt. Ausgehend von den Problemstellungen in der Kurspraxis, wurden Möglichkeiten und Beispiele zur nutzbringenden Verwendung entwickelt. Grundlegend sind der Zugang zu digitalen Geräten und der Nutzen, den sich die Lernenden davon versprechen. Es geht konkret um das Vorhandensein von:

Tablets

Tablets

 

  • digitalen Geräten
  • internetfähigen digitalen Geräten
  • tatsächlich nutzbarem Internetzugang
  • Internet-Nutzungsverhalten
  • Entdeckungsfreude
  • Vertrauen in die eigene Problemlösefähigkeit

Der Nutzen

Es stellte sich als zielführend heraus, die Diversity-Maßnahmen von den materiellen und lernstrategischen Ressourcen der Zielgruppe abzuleiten. Die wichtigste Überlegung dabei war, von tatsächlichen Problemstellungen der Lernenden ausgehend den Nutzen von Wissen erkennbar zu machen. Anschließend wird das Wissen von den Lernenden bewertet und in der konkreten Sitation angewandt, später noch ausgebaut.
Einige Lernende kommen zum Beispiel mit neuen Handys oder sogar Tablets in den Kurs, sind stolz auf sie und wollen damit arbeiten. Der Stolz, das Sozialprestige, das mit diesen Geräten verbunden ist, kann eine großartige Triebfelder für das Lernen sein. Die gilt es auf jeden Fall zu nutzen (und immer wieder “aufzuziehen”). Andere Lernende besitzen Handys, kommen aber nicht damit zurecht und schämen sich zu fragen. Da hat sich bewährt, den Wert des Gerätes herauszustellen, seine Funktionen zu zeigen und die Lernenden behutsam heranzuführen. Sobald die Lernenden einen persönlichen Nutzen erkennen, ist die Lernmotivation für weitere Schritte da.
Das Ausgehen von der konkreten Situation der Lernenden ist deshalb so wichtig, weil ein Wissens- und Handlungstransfer von ausgewählten, beispielhaften Problemstellungen zu hohe Anforderungen an die Selbstlernkompetenz stellt. Die Lernenden könnten darin ihre materiellen und lernstrategischen Ressourcen nicht nützen oder wären schlichtweg überfordert.
An diesem Lernprozess mitbeteiligt sind außerdem die verwendeten Funktionen, Programme bzw. Internetseiten. Sie sind nämlich weder geschlechtsneutral noch verwendungsneutral. D. h., sie unterstützen bestimmte Handlungsrollen und –zwecke, indem sie für ein bestimmtes Publikum und für bestimmte Handlungskontexte entwickelt und optimiert wurden. Sie setzen also ein bestimmtes Operationsverständnis und Handlungswissen voraus. Das Bewusstsein darum ist die Voraussetzung für eine zielführende Verwendung im Lernkontext.

Die Auswahl

Für die konkrete Unterrichtsplanung tatsächlich weiterhelfen kann das Wissen über den Aufbau und die Merkmale von Online Tools. Für ihre Verwendung in der Basisbildung mussten sie nach bestimmten Gesichtspunkten ausgewählt werden, da wir von elementaren Bedienungs-, Lese- und Schreibfähigkeiten ausgehen. Hier folgt eine kompakte Übersicht darüber:

Pinnwand 20131210

padlet.com

  • gratis
  • online
  • kein Login
  • 1-3 Bedienschritte
  • übersichtliches Webdesign
  • Zweck: Informationen sammeln und strukturieren
  • in die physische Welt übertragbare Art der Kommunikation

Dass die Tools nur online und nicht auch lokal verfügbar sind, hat institutionelle Gründe: die Schulungsgeräte sind z. B. in der Vorbereitungszeit nicht für die Kursleitung verfügbar oder die Vorbereitungszeit reicht nicht, um ein Programm auf mehreren Geräten zu installieren und zu testen; oder es gibt keine IT-Ressourcen, an die diese Aufgabe delegiert werden könnte.

Aufbau der Online Tools

Viele der letztendlich ausgewählten Tools wurden ursprünglich dafür entwickelt, ein junges, online kommunizierendes Publikum bei informellen Lern- und Freizeit-Aktivitäten zu unterstützen. Dementsprechend sehen das Webdesign und die verwendete Sprache aus. Das sollte beim Einsatz in einer Basisbildungsgruppe berücksichtigt werden, indem man die Lernenden schrittweise an das Tool heranführt und die ursprüngliche Verwendung  - rein online unter örtlich und möglicherweise zeitlich voneinander getrennten Personen – klar macht. Dabei helfen ein paar einfache Prinzipien:

1-Klick-Prinzip
Mit 1 Klick wird eine Bearbeitungsseite hergestellt, z. B. von der Homepage zur eigenen Seite wie „Neues Pad“ bei piratenpad.de, „Los“ bei tricider.com oder „Build a wall“ bei padlet.com. Reicht 1 Klick nicht, um die Bearbeitungsseite aufzurufen, muss die Kursleitung die Seite zu Beginn der Einheit bearbeitungsbereit zur Verfügung stellen, z. B. bei tinychat.com
1 einzige Bearbeitungsseite
Die Lernenden arbeiten synchron auf einer einzigen Seite, die auf mehreren Geräten gleichzeitig bearbeitbar ist, z. B. edupad.ch
1 Eingabefeld
Es gibt 1 Eingabefeld für die Bearbeitung – entweder für alle eines (Etherpad) oder eines für jede Person (Brainstorming in padlet.com). Sollte es mehrere Eingabemöglichkeiten geben, sollte zunächst nur eine verwendet werden (z. B. bei tricider.com).
Öffentlichkeit
Alle Tools verfügen über eine begrenzte Form von Privatheit, d.h. für die Lerngruppe kann eine eigene Seite erstellt werden, die über einen eigenen Link aufrufbar ist. Allerdings: Wer den Link hat, kann die Seite bearbeiten (überlegen, an wen er weitergeleitet, wo er gepostet werden soll usw.).
Public space
Alle Tools bieten über sogenannte Buttons Verbindungen zu Sozialen Netzwerken, z. B. facebook, google+, twitter usw., sodass die erstellten Inhalte direkt dort gepostet werden können. Über das Posten von gemeinsam erstellten Inhalten sollte grundsätzlich auch gemeinsam entschieden werden. Eventueller Nutzen oder eventuelle Nachteile sind in einem respektvollen Gesprächsklima zu benennen und zu diskutieren. Eine Entscheidung sollte überdies nur dann getroffen werden, wenn die Lernenden über grundlegende Erfahrungen in diesen Netzwerken verfügen.

Eine Reihe von ausgearbeiteten Unterrichtsvorschlägen illustriert die Realisierung. Der Zugang zum vollständigen Dokument steht allen Interessierten zur Verfügung: Mail an r.oemer@bhw-n.eu, Betreff: Social Media in der Basisbildung.

Eine Diversity-gerechte Didaktik kann die bestmögliche Förderung der Lernerfolge insofern unterstützen, als sie dafür sorgt, dass die unterschiedlichen Voraussetzungen der Lernenden im Unterricht konstruktiv genutzt werden. Dass es immer noch notwendig ist, Ressourcen und Voraussetzungen zu benennen, um sie lernförderlich zu berücksichtigen, zeigen die Unterrichtserfahrungen im vorliegenden Projekt. Konkret sind das:

Lernstand

Ausgangspunkt für alle methodischen und didaktischen Überlegungen ist der Lernstand der Einzelnen und die daraus gefolgerten Merkmale eines Gruppen-Lernstandes. Das heißt bei der Vorbereitung das von der Social-Media-Software vorausgesetzte Lese-, Schreib- und Bedien-Niveau festzustellen und mit dem, was über die Lernenden bekannt ist, zu vergleichen.
Und es heißt, im Unterrichtsgeschehen Kompetenzen sichtbar zu machen und ihre Weiterentwicklung durch fördernde Maßnahmen zu unterstützen, z. B. Gruppenarbeit mit unterschiedlicher Aufgabenverteilung, textstrukturierende Vorlagen zu verwenden, Text einzusprechen statt einzugeben, Text vorlesen zu lassen usw.

Lernkompetenz

Es scheint mir wesentlich, hier zu betonen, dass Lernen in der Basisbildung das Entwickeln von Grund- und Meta-Kompetenzen umfasst. Da diese erst im konkreten Verhalten sichtbar werden, ist das „Miteinander Tun“ der Kern der Lernhandlungen. Das Wechselspiel zwischen Individuum und Umwelt ist die geeignete Sozialform für diese Art der Kompetenz-Entwicklung: sichtbar machen, weiterentwickeln und überprüfen. Damit dieses Lernen absichtsvoll und zielgerichtet wird, braucht es die aktive Beteiligung der Lernenden sowie pädagogisches Know-How der Lehrenden. Mit entsprechend ausgewählten Tools können sich Lernende mit unterschiedlichsten Lernvoraussetzungen aktiv an einer Gruppenaktivität am Computer beteiligen.
Diese Offenheit im didaktischen und methodischen Handeln kann in einer virtuellen Lernumgebung gut umgesetzt werden: Material und Werkzeuge sind online vorhanden. Mit der entsprechenden Methoden- und Umsetzungskompetenz der Lernbeteiligten kann ein Lernprozess aufgebaut werden. Dieser findet dann auf zwei Ebenen statt: auf der sachlichen und auf der lernmethodischen. Die sachliche Ebene ist das angestrebte Können, die lernmethodische ist der Weg zur Umsetzung. Wenn es gelingt, den Lernenden Umsetzungsmöglichkeiten nachvollziehbar zu machen, ist der erste Schritt zur Kompetenzentwicklung getan.

Wie aber lassen sich Kompetenzen vermitteln?

Nach den bisherigen Recherchen und Erfahrungen muss es sich dabei jedenfalls um einen Lernprozess handeln, der Kompetenzen über Austausch, Gespräch und Wertungen aufbaut. Die beschriebenen Social Media Tools wurden genau daraufhin ausgewählt, getestet und bewertet.

Herausgekommen ist dabei, dass das Lernen Lernen mit Methoden und Übungen unterstützt werden kann, in denen zusammengearbeitet wird. Dabei werden Lernziele auf der kognitiven Ebene: erkennen, verstehen, anwenden, … – auf der affektiven Ebene: beachten, reagieren, werten, … – sowie auf der psychomotorischen Ebene: imitieren, manipulieren, präzisieren, … verfolgt. Die dabei eingesetzten Problemlösestrategien werden in der Bedienung bewusst gemacht und auf andere Tools und andere Sachverhalte übertragen.

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